Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

dma201101

10 www.deutschmagazin.de 1/11 Allzu oft hinterlässt übertriebene Selbst- steuerung ein nur unverstandenes Wissens- Sammelsurium. Und schwächere Schüler werden durch lehrerarme Lernformen wie »offener Unterricht« nur benachteiligt: Gerade das sozial benachteiligte Kind bedarf, um sich aus diesem Status zu befreien, eines geradezu altmodischen, direkt angeleiteten, aber auch geduldigen und er- mutigenden Unterrichts. Das gilt erst recht für solche Kinder, die der deutschen Sprache kaum mächtig sind. Das aus dem Munde eines linken Erzie- hungswissenschaftlers! Aber als »Kind einfacher Leute« weiß der Mann, wovon er spricht: von der Kluft, die Kinder der Unterschicht zu überbrücken haben, wenn sie in die Nähe gesellschaftlicher Teilhabe gelangen wollen. Pädagogische Deregulierung, das mute wie ein Trick der Mittelschicht an, ihre Privilegien nach unten zu verteidigen – Arztkinder kämen schließlich mit allen Lehrformen zurecht, notfalls mit Nachhilfe. Nahezu alles, was die moderne Schulpädagogik für fortschrittlich hält, benachteiligt die Kinder aus bildungsfernem Milieu. Hermann Gisecke (geb. 1932) Trend 2: Störungen missverstehen Nun sind Stoffauswahl, Motivation und Methodenwechsel nur die halbe Miete. Berufliche Zufriedenheit steht und fällt ja damit, wie ich mit den Störungen des Unterrichts zurechtkomme – den Verständ- nisschwierigkeiten und Beziehungskon- flikten. Wer indes nur zwischen »auf die Füße treten« oder »anders sortieren« wählen kann, wird wenig Erfolg und viel Unlust ernten. Weiter führt eine dynamische Sicht von Intelligenz. Freuds zeitweiliger Kollege Alfred Adler hat in seiner Individualpsy- chologie – einer tiefenpsychologischen Denkschule mit besonderem erzieherischem Akzent – gezeigt, dass man störrische Begriffsstutzigkeit, renitente Faulheit, lästiges Stören, aber auch passive Unauf- fälligkeit auflösen kann – wenn man sie nicht als Bosheit oder Unfähigkeit inter- pretiert, sondern als biografisch geronnene Entmutigung, getarnt durch sinnvolles Ersatzverhalten. Selbststeuerung führt schnell zu Vereinzelung – ist das neoliberale Pädagogik? Peter Tillberg: Wirst Du wohl mal Nutzen bringen, Kleiner? (1971 / 72) © Photo: Moderna Museet / Åsa Lundén Schwerpunkt