Auch in Zukunft stinkt, kracht und raucht es im naturwissenschaftlichen Unterrichtdidacta 2010 Themendienst: Interview mit dem didacta-Vorstandsmitglied Dr. Hans-Joachim Prinz14.03.2010
(red) Wer kennt nicht den Chemiesaal aus der "Feuerzangenbowle", in dem eine Unterrichtsstunde für Professor Crey zum Desaster gerät, weil der Versuch mit der alkoholischen Gärung offenbar katastrophale Auswirkungen auf die Schüler hat. So oder ähnlich sahen naturwissenschaftliche Unterrichtsräume lange aus. Sind sie inzwischen abgelöst von hochmodernen Lernlabors? Oder werden gar die zukünftigen Chemie- und Physikräume nur noch mit digitaler Technik ausgestattet sein und Versuche nur noch simuliert? Das wollten wir vom Dr. Hans-Joachim Prinz Leiter der Entwicklung bei LD DIDACTIC und Vorstandsmitglied im didacta Verband wissen.
Herr Dr. Prinz, beinahe jedes naturwissenschaftliche Experiment lässt sich unterdessen auch als Simulation am Rechner durchführen. Wird also der zukünftige Physik- oder Chemieraum ganz aufs Krachen, Rauchen und Stinken verzichten können oder werden weiterhin echte Experimente durchgeführt? Dr. Hans-Joachim Prinz: Ich glaube, dass an beidem etwas dran ist. Es gibt sicherlich Themen, bei denen die Digitalisierung hilft, bestimmte Sachverhalte plastischer darzustellen und wo sie als Ergänzung dient zu dem, was die primäre Erfahrung ist. Aber die primäre Erfahrung wird das bleiben, was wir kennen: nämlich wenn es stinkt, kracht und raucht. Das beobachten wir doch auch bei uns oder unseren eigenen Kindern: Diese eigene Erfahrung ist das, was auch in den Köpfen hängen bleibt. Es kommt schließlich nicht von ungefähr, dass gerade in den Naturwissenschaften in den letzten Jahren verstärkte Bemühungen gemacht werden, Kinder an Experimente heranzuführen, denken Sie nur an die Schülerlabors oder Physics on Stage und ähnliches. Das bedeutet aber doch auch eine Abkehr vom traditionellen Unterrichtsraum, bei dem der Lehrer vorne – mitunter von Schülern unterstützt – experimentierte und die Klasse schaute mehr oder minder interessiert zu? Dr. Hans-Joachim Prinz: Wenn Schüler selbst experimentieren dürfen, Schüler selbst Erfahrungen sammeln können, dann ist das Begreifen im wahrsten Sinne des Wortes sehr viel unmittelbarer und damit auch sehr viel nachhaltiger, als wenn der Stoff durch einen Frontalunterricht vermittelt wird. Es ist auch inzwischen ein wenig mit der Mär aufgeräumt worden, dass das Experimentieren in Schülerversuchen von vornherein sehr viel aufwendiger und teuer sein muss. Also wird es zukünftig im naturwissenschaftlichen Unterrichtsraum gar keinen zentralen Lehrerarbeitsplatz mehr geben? Dr. Hans-Joachim Prinz: Doch, es wird eine Kombination sein. Unterrichtsräume müssen beide Komponenten haben. Es gibt Experimente, die man aus Sicherheitsgründen oder auch Kostengründen nicht in die Schülerhand geben sollte, aber es gibt immer mehr Experimente, die Schüler selbst durchführen können. Außerdem lässt sich gerade bei dieser Art von Experimenten die Digitalisierung komfortabel miteinbeziehen. So kann beispielsweise die Aufgabenstellung über den Rechner vorgegeben werden und der Rechner wird dann im nächsten Schritt zur Protokollierung genutzt. Dabei wird auch eine zweite Kompetenz des Schülers gefördert, nämlich der Umgang mit diesen neuen Möglichkeiten und Werkzeugen. Gibt es denn bereits Beispiele für solche modernen Unterrichtsräume? Dr. Hans-Joachim Prinz: Ja, zum Beispiel in Niedersachsen will man im Fach Physik bis in das Abitur hinein verstärkt mit Schülerexperimenten arbeiten. Hier gibt es bereits Schulen, die auch entsprechend ausgestattet sind. Land und Kommunen arbeiten gemeinsam an diesem Ziel und zusammen mit Firmen werden neue Geräte und Konzepte entwickelt. Man kann nur hoffen, dass dies auch in anderen Bundesländern Schule macht. Eigentlich müsste es doch ganz gut aussehen mit der Ausstattung der naturwissenschaftlichen Räume. Schließlich ist das Konjunkturprogramm II ja auch den Schulen zugutegekommen. Und außerdem will man in Deutschland doch die sogenannten MINT-Fächer, also auch die Naturwissenschaften, vordringlich fördern. Dr. Hans-Joachim Prinz: Dieser Sektor ist bisher nur bedingt angesprochen worden. Es sind deutlich bauliche Maßnahmen vorgenommen worden, die sicherlich berechtigt und notwendig waren. Auch ist einiges in den Bereich der Möbelausstattung gewandert. Aber insgesamt war die Erwartungshaltung sehr viel größer. Das heißt nicht, dass nichts angekommen ist, aber doch bedauerlich wenig, insbesondere wenn man bedenkt, dass die Naturwissenschaften im Vergleich zu anderen Fächern einen höheren Investitionsaufwand haben. Vielfach sind naturwissenschaftliche Unterrichtsräume in einem relativ erschreckenden Zustand. Die Einrichtungen – vom Mobiliar über die technischen Einrichtungen bis hin zu Lehrmitteln und Lehrgeräten stammen eher aus den 60er, 70er Jahren des vergangenen Jahrtausends als aus neuerer Zeit. DAZU AUF DER DIDACTA■ Besucher der didacta können sich in den Ausstellungshallen ausführlich über moderne Ausstattungen für die verschiedenen Unterrichtsräume informieren und direkt vor Ort beraten lassen. ■ Das Haus der kleinen Forscher, Forum "didacta aktuell: Wirtschaft – Bildung – Verantwortung", Halle 9, Stand A20/B21, 17.3.2010, 11:00 Uhr ■ Sonderschau Phänomene zum Anfassen – phaeno auf der didacta 2010 in Köln, Halle 6, Stand B74, 16. bis 20.3.20110, 9:00 – 18.00 Uhr ■ Aktionsprogramm naturwissenschaftliche Experimente für Groß und Klein, Forum Ausbildung, Halle 10.1.2010, Best of phaeno Science Show, 11:00 – 12:00 Uhr, Kopfball on Tour – Die WDR-Experimente-Show, 12:00 – 14:00 Uhr Der komplette Themendienst 3 zur didacta 2010 kann als PDF-Datei heruntergeladen werden. Alle Texte können kostenfrei für die Berichterstattung genutzt werden. Erstveröffentlichung unter bildungsklick.de |



































































